Dez 30, 2011 - Stories    1 Comment

Das hier

Es ist der Tag vor Jahresende. Der Tag vor dem Beginn von etwas Neuem. Ein neuer Kreislauf, der dann seinen Lauf nimmt. Zuhause im Flur stehen eine Tüte Raketen, ein paar bunte Knallgeschichten und ein großes Paket Hoffnung.
Während viele entzauberte Menschen die Jahreswende als „Tag wie jeden anderen“ nehmen, an dem ein bisschen gefeiert wird, nehme ich die Zeit zwischen den Jahren immer ganz bewusst wahr. Für mich ist das Jahresende immer, als ob ein Film zu Ende ginge – ob er gut oder schlecht war, steht ja erst am Ende mit dem Rückblick auf die vergangenen Monate fest.

Ist es nicht so am Ende von guten Filmen? Am Ende wird ganz viel klar, die wichtigsten Sequenzen werden wiederholt und am Ende läuft der Protagonist selbstsicher eine lange Straße entlang, während die Kamera wegzoomt und die Stimme aus dem Off noch ein paar perfekt formulierte Gedanken äußert bis die Filmmusik einsetzt.

Ich sitze bei Starbucks, nehme einen Schluck von meinem Caramel Macchiato als ich auf die Alster und den viel zu warmen Winter schaue.
2011 war gut zu mir. Ich fühle mich wohl, wenn ich in meine Wohnung komme. Ich habe begriffen, dass die 5 überflüssigen Kilos durch die bloße Anmeldung im Fitnessstudio leider nicht verschwinden. Ich habe gelernt, dass Stiefel eine Handtasche komplett ersetzen können, wenn man sich auf das wirklich Wichtigste beschränkt. Ich bin nachts durch die Hafencity spaziert und habe herausgefunden, dass man nicht in die Alpen fahren muss, um sein Echo zu hören. Ich war in New York und saß an dem Flügel, an dem schon Joni Mitchell oder Norah Jones gespielt haben. Ich habe in der Magnolia Bakery Cupcakes gegessen, die ein Europäer sonst nie essen würde. Ich habe einen angehenden Sexualtherapeuten kennengelernt, der sexsüchtig ist – neben Peter, dem Katheter und anderen männlichen Kuriositäten. Ich habe Freunde wiedergefunden, neue dazu gewonnen und vielleicht auch welche verloren. Mir haben Freunde beigebracht, dass  ich an Träumen festhalten muss. Ich wurde in keinem Jahr öfter mitten in der Nacht angerufen, um „einfach nur da“ zu sein und es hat sich nie besser angefühlt.
Ich habe gelernt, dass ein Kuss für einen Mann nichts bedeuten kann oder alles. Ich habe festgestellt, dass es scheinbar mehr Menschen gibt, die ähnlich kurios denken wie ich – und durfte meine Gedanken für die Max aufschreiben. Mit einer Marc Jacobs-Tasche musste ich feststellen, dass Glück manchmal eben doch materieller Natur ist (Sorry, Moral!). Ich habe mich in mein Macbook und iPhoto verliebt. Ich habe erkannt, dass es manchmal gar keinen festen Weg geben muss, um dorthin zu gelangen, wo man irgendwann sein möchte. Genugtuung ist, wenn man mit seinen liebsten Mädels im Lion sitzt und großkotzig mit Champagner auf das eigene Leben anstößt. Und endgültig eingeholt hat mich das Carrie-Feeling, als mir diese Woche klar wurde, dass ich wohl demnächst wirklich sowas wie Moderedakteurin bin, im Januar zur Fashion Week nach Berlin fahre und auf mich ein Presseausweis wartet.

Nachdem ich so wehmütig, selbstzufrieden und ein bisschen in mich hinein grinsend über das Jahr 2011 den letzten Schluck meines Caramel Macchiatos getrunken habe, packe ich meinen Kram in die in die Jahre gekommene Tasche und verlasse den Starbucks an der Alster. Es ist für Winter viel zu warm, die Sonne glitzert auf die Alster und ich laufe den Jungfernstieg entlang. Was 2012 kommt? Fashion Week, London, vermutlich noch einmal New York, vielleicht Paris, mehr Schreiben, mehr Musik, mehr Karriere, mehr unglaubliche Nachtgeschichten mit meinen Freunden zwischen Gängeviertel und Pauli. Der Rest? Ich habe nicht die leiseste Ahnung…
Und genau jetzt, wo ich den Jungfernstieg siegessicher entlang laufe, würde wohl – wenn dies mein Film wäre – die Musik einsetzen.

Auf ein wundervolles 2012!

Dez 24, 2011 - Stories    2 Comments

Junkie

Es gibt wenige Momente, ich denen ich Hamburg hasse. Ich habe mich mit dem Verkehrsnetz des HHV arrangiert und akzeptiere die geringe Starbucksdichte. Ja, im Großen und Ganzen kann ich auch mit dem Wetter leben, nur an einem Tag nicht: An Heiligabend.
Ich schaue raus und es sind erbärmliche zehn Grad Celsius, von Schnee weit und breit nichts zu sehen. Amerikanische Weihnachtsfilme locken mit dicken Flocken, mit den roten Norwegerpullis und dem Gefühl, einen Tee trinken zu wollen, um sich aufzuwärmen. In Wahrheit lacht mich draußen die Sonne an und ich mache mir Sorgen, dass meine Katze ihr Winterfell zu früh wechseln könnte.

Tagsüber fällt es mir schwer, mein Weihnachtsgefühl aufrecht zu halten, aber wenn es dunkel wird, tu ich einfach so, als würde draußen Schnee liegen. Ich mach mir das „Weihnachten-Decken-Kuschel“-Gefühl einfach durch bloße Vorstellungskraft. Und schon finde ich Hamburg wieder nicht mehr schlimm.
In der Wohnung ist alles auf Weihnachten getrimmt. Mein kleiner schiefer Weihnachtsbaum ist ein hässthetischer Traum aus Glitzer uns Pastell. Meine Wohnung riecht noch ein wenig nach erloschenen Vanille-Duftkerzen. Mein Katze trägt gezwungenermaßen ein rotes Weihnachtshalsband, die eingepackten Geschenke stehen aufgetürmt im Flur. Und aus meinem Macbook tönt meine „Noel“-Playlist und Jeff Buckley singt.

Pausenlos piepst mein Handy und es kommen „Frohe Weihnachten“-Wünsche von Freunden, Verwandten und Menschen, von denen man es gar nicht erwartet hätte. Es sind diese kleinen Momente, in denen man zum Handy greift und sich automatisch ein kleines Lächeln auf das Gesicht zaubert, sobald man den Absender gelesen hat.
Allein deswegen ist Weihnachten schon so wunderbar, weil wir einfach mal an die denken, die wir sonst leicht vergessen.

Ich freu mich über mein kitschig-liebenswertes Weihnachtsfest. Gutes Essen und gutes Fleisch (ich glaube, ich habe noch nie soviel Geld für ein Stück Schwein ausgegeben…), selbst gemachtes Dessert. Crémant zum Anstoßen. Selbst gebastelte und leider etwas misslungene Weihnachtskarten. 3 Tage, in denen man auf zusätzliche Kalorien einfach mal sch**** und die sündigen belgischen Godiva-Pralinen genießt. Feiertage mit Weihnachtsfilmen aus vergangenen Zeiten. Feuerzangenbowle und Schrottjulklapp mit der ganzen Familie.
Ein schiefer, liebenswerter Weihnachtsbaum, von dem ich überzeugt bin, dass ihn niemand anderes mitgenommen hätte, wenn ich es nicht getan hätte (auch das ist eine Form von Charity!).

Was stand da eben in der einen SMS, die von meiner Freundin kam?
„Du bist und bleibst ein Weihnachts-Junkie“
Recht hat sie.

Frohe Weihnachten Euch allen!

Dez 21, 2011 - Stories    No Comments

Excel

Mein Tag ist getaktet. Ich stehe um 07:15 auf, mach’ mich arbeitsfertig, ich füttere meine Katze. Ich plane für meinen Arbeitstag mindestens zehn Stunden ein, danach gehe ich entweder nach Hause (falls ich ausgelaugt bin) oder bin regelmäßig mit Freunden verabredet.
Spontaneität hat in meinem Leben nur dann Platz, wenn ich den Alltag hinter mir lassen kann und jegliche Struktur aus meinem Kopf verbanne. Oder wenn ich gerade meine wahnsinnigen fünf Minuten habe (stressbedingt oder durch Clown im Frühstück).
Mit ein bisschen psychologischem Backround geht das Schubladendenken aber erst richtig los. Verhalten wird nach Mustern kategorisiert, mögliche Antworten prognostiziert und mit etwas Abstand zum persönlichen Seelenheil geht man einen Entscheidungsbaum an Möglichkeiten der Reaktionen anderer durch.

Umso verwirrender wird es dann, wenn jemand wie ich in seiner Struktur gestört wird. Ein bisschen wie Schluckauf, der auf einmal kommt.
Dies mag beispielsweise der Fall sein, wenn Männer, die ich kaum kenne, mich fragen, ob ich mit ihnen essen gehen möchte (Ist essen gehen ein Date? Meint der das ernst? War der nüchtern als er mich gesehen hat? Sagt er nicht sowieso noch ab? Oder sucht der nur‘n Job?) oder ich überrumpelt und eingefädelt mit Freunden von Freunden verkuppelt werden soll – und mir hier sämtliche Ausreden einfallen, mich nicht darauf einzulassen, obwohl es ja objektiv gesehen vielleicht mal lustig wäre (und gute Recherchearbeit).

Was mir in diesem Augenblick klar wurde:
Ich bin ein Opfer der amerikanischen TV-Serien-Industrie. Während die hochromantische Carrie in mir schlummert, die sich an Café au lait, frischen Kirschbaumblüten und dem Duft vom Hafen ergötzt, kommt die nüchterne, pessimistische Dr. Meredith Grey zum Vorschein, die mit ihrer Bindungsphobie jegliche Romantik in Grund und Boden hämmert.
„Aaaawww….Sieh mal, wär‘ das nicht schön?“, schwärmt die Carrie in mir.
„Nein, was für‘ Quatsch! Statistisch gesehen….“, maßregelt dann Dr. Grey.

Was bleibt? Ein inneres Ungleichgewicht zwischen sollen und wollen und ein Bedürfnis, gern jede Situation sofort definieren zu können, damit ich Carrie das uneingeschränkte Go geben kann – und Dr. Grey mal im Käfig bleibt.
Natürlich ist das nicht möglich. Wir wissen: nichts. Ich weiß nicht, was morgen passiert. Ich weiß nicht, wen ich morgen kennenlerne. Ich weiß nicht, was nächstes Jahr kommt. Vielleicht hab ich ja morgen Herpes. Oder brech‘ mir nur einen Fingernagel ab. Oder auch gar nichts. In Wirklichkeit wägen wir uns doch in einem unwirklichen Gerüst aus Sicherheit, das eigentlich gar nicht da ist. Und wir tun so, als ob alles nach Plan liefe.

Die schönsten Abende waren die, bei denen ich mir niemals erträumt habe, wie sie enden. Solche, wo man gar keine Lust hat, abends rauszugehen und sich morgens um 05:00 auf einer privaten Abrissparty im Loft eines Unbekannten wieder findet. Oder solche, an denen man mit Freundinnen den ganzen Samstag verbringt, obwohl man nur „kurz einen Kaffee trinken“ wollte.

Während ich so schreibe, halte ich einen kleinen Moment inne und überlege. Ich bin ja gar nicht diese langweilige Strukturtante. Ich mag es, wenn es aufregend ist. Ich mag kreative Überraschungen. Und mit Ausnahme von „Breakfast at Tiffany‘s“ mag ich keine Filme, die zu vorhersehbar sind.
Der tatsächliche Grund, sich an Strukturen, Mustern festzuhalten, hat vor allem mit einem zu tun: Schiss.
Aber das Leben ist keine Excel-Liste und es würde als vorhersehbare Verformelung auch seinen Zauber verlieren.
Vielleicht ist es doch gar nicht so schlecht, manchmal nicht zu wissen, was kommen wird, um so doch ein kleines Stück von der Ungewissheit wieder zu holen, die uns zuckersüß über den Nacken läuft.

Dez 13, 2011 - Stories    No Comments

Keks-Romantik

“Hallo?! Hör ich von dir auch mal wieder was?!” Als ich die What‘s App-Meldung von Anna auf meinem iPhone lese, seufze ich. Manchmal hat man Zeiten, in denen man nach Hause kommt und keine Energie mehr hat, irgendwas zu tun. Ganz egal, ob es Wäsche aufhängen, Kommunikation oder das Schreiben eines Artikels ist. Zeiten, in denen man im 90°-Winkel direkt ins Bett kippt. Und nach 9h gerädert aufwacht und weitere 12h durchpennen könnte.
Man kommt an einen Punkt, an dem man Dinge tut, die man nicht gerne macht, aber trotzdem machen muss. Vielleicht werde ich ein bisschen erwachsen.
Ich tippe Anna zurück und sie überredet mich, meine freien Samstagsstunden mit etwas Sinnvollem zu verbringen: Weihnachtskekse backen.

Als ich Annas schnuckelige Altbauwohnung in Eimsbüttel betrete, erwartet mich eine Küche mit geräumter Tischplatte, lautem Klassikradio (inkl. weihnachtlichem Ave Maria) und ganz stilgerecht Glühwein auf der Herdplatte.
Förmchenstecherei auf Mandel-Keksteig, Kneten von Zutaten und Probenaschen – warum suchen die Leute über Jahre hinweg ihr Pilates-Powerhouse, wenn man einfach gutbürgerlich Kekse backen kann?
„Wie läuft es bei dir so?“, fragt mich Anna.
„Lass mich kurz überlegen…Meine Highlights der letzten 3 Wochen waren Peter, der Katheter, Lucy, die am U-Bahnausgang St- Pauli versehentlich auf einer Slipeinlage stand und ein Verkehrsunfall, in den ich als Zeugin verwickelt war und den tollsten Polizisten der Welt kennengelernt habe.“
„Ok, da muss ich mal nachhaken. Das einzige, was für mich gerade halbwegs plausibel klingt, ist Lucys Standpunkt auf der Slipeinlage bei St.Pauli…Hast du die Nummer vom Polizisten?“
„Die vom Revier“
„Und?“
„Er hat gesagt, ich soll anrufen, falls mir noch was einfällt“
„Und?“
„Mir ist noch nichts eingefallen“
„Ja und nun?!“
Ich steche gerade einen Keks in Schweinform aus und zucke mit den Schultern.

„Ok…Und wer ist Peter, der Katheter?“
„Ein österreichischer Vollhorst, der Lucy und mir -nachdem sie auf der Slipeinlage stand – am St- Pauli Weihnachtsmarkt reihenweise Glühwein und Glühfick aufgedrängt hat. Und bevor jetzt irgendein dusseliger Kommentar von dir kommt: Glühfick ist Glühwein mit einem Schuss Himbeerlikör und die haben das bestimmt nur so genannt, damit sich Touristen auf der Reeperbahn mal so richtig verwegen fühlen können, wenn sie sowas Schlimmes bestellen.“
„Und was hat er mit einem Katheter zu tun?“
„Ach nix, das reimte sich halt. Und nach 3 Glühfick fanden wir den Reim irgendwie lustig. Er hatte noch einen Freund dabei, dessen Namen ich vergessen hab. Ich war die ganze Zeit wirklich schämenswert zynisch und irgendwann sagte er mir, dass er mich ,charismatisch fände und mich gern wiedersehen würde‘. Ich hab ihn dann gefragt, ob er nicht der Meinung wäre, dass ich zu jung für ihn sei.“
„Das ist die falsche Frage für einen Mann“
„Ja, das fiel mir dann auch auf. Ich glaube, er hatte den Eindruck, ich wäre für ihn schwierig zu haben und fand mich noch spannender. Die Wahrheit war: Für ihn war ich überhaupt nicht zu haben. Und so sind Lucy und ich  irgendwann recht auffällig geflüchtet.“

Anna schob das erste Blech Kekse in den Ofen und lachte ganz laut, wie es ihre Art ist. Ich lehne mich auf dem IKEA Ivar-Stuhl zurück und stütze meinen Nacken auf meinem Arm auf, nachdem ich mir durch den Pony gestrichen habe.

Und irgendwie wurde mir in dem Moment klar, was das Kekse backen in Wirklichkeit war. Es war Kindheitserinnerung, Entschleunigung und Initimität.
Ich bin der Meinung, dass das Leben heute nicht unbedingt schneller ist als vor 30 Jahren. Es passiert aber mehr in kürzerer Zeit und wir bewerkstelligen mehr gleichzeitig. Wir verlieren manchmal ein bisschen den Fokus aus den Augen und schenken unsere Aufmerksamkeit nicht einer Sache ganz, sondern ganz vielen nur ein bisschen.
Dass Profikameras gerade wieder so stark verkauft werden, hängt doch auch damit zusammen, dass wir das Bedürfnis haben, Momente festhalten zu wollen, die uns zu entgleiten scheinen. Schöne Fotos von alltäglichen kleinen Dingen sind deswegen so ästhetisch, weil wir sie in der alltäglichen Hektik nicht mehr sehen können. Kekse backen ist deswegen so besonders, weil wir in jedem Edeka einen x-beliebigen Industriekeks kaufen könnten.

Ich mag den Dezember, obwohl er mich schrecklich sentimental macht. Er bringt uns dazu, über unser Leben zu reflektieren und ganz gezielt einen Monat lang alle Ruhepole aufzusuchen, die uns wichtig sind.

Als Anna und ich Herzen, Schweine, Sterne und Hasen mit rosa Zuckerguss und Streuseln garniert haben, schaut sie mich mit großen Augen an.
„Lass uns ins Streit‘s gehen und einen Film gucken!“
„Ja, durch den Schnee über den Jungfernstieg!“

Und vielleicht ein bisschen von der Weihnachtsstimmung einfangen, die wir im Alltag verpassen.

Nov 5, 2011 - Stories    1 Comment

7 Milliarden

 

Ich bin ein großer Fan des selbstbestimmten Handelns. Ich glaube, dass wir alle bis zu einem hohen Maße unseres Glückes eigener Schmied sind (von reich geborenen Berufs-Töchtern/-Söhnen mal abgesehen). Wenn es aber um Begegnungen geht, sind diese am allerwenigsten kalkuliert, erarbeitet oder verdient.

Ich weiß nicht, ob ich hier schon einmal geschrieben habe, wie sehr ich Bahnfahren mag. Wenn man vom erhöhten Aufkommen von Krankheitserregern absieht, gibt es nichts, was echter und purer ist, als Menschen in öffentlichen Verkehrsmitteln.
In der Bahn streifen alle Leute ihr alltägliches Pokerface ab und man erkennt, wer einen guten Tag hatte, wer in sich hinein grinst und etwas Schönes erlebt hat. Man erkennt Leute, die einfach nur genervt sind und nach Hause wollen. Oder die, die ihre privaten Probleme den ganzen Tag vor anderen versteckt haben und ihre Sorgen wieder wieder langsam die Mimik vereinnahmen.
Sehr wahrscheinlich war es genau so ein purer und echter Moment, an wem wir jemanden kennengelernt haben, der unser Leben bereichert. Weil Freundschaft echte Persönlichkeit und Intimität  verlangt. Weil wir wissen wollen, woran wir sind, wenn wir uns mit jemandem genauer beschäftigen. Weil Erlebtes zeigt, dass ein Mensch Gefühle hat. Und dass jemand ein Leben lebt, an dem wir teilhaben wollen.

Täglich kreuzen sich millionenfach Wege, an denen sich Menschen begegnen könnten. Täglich trete ich versehentlich anderen auf die Füße, halte Schlangen an Kassen auf, weil ich mit Kleingeld bezahlen will oder renne mit lauten Schritten auf meinen Stiefeln wie eine Bekloppte durch den Hauptbahnhof, weil ich den Anschluss zur nächsten Bahn nicht verpassen will. Jeden Tag erleben wir x hoch n Möglichkeiten, die unser Leben verändern könnten. Möglichkeiten, die wir nicht beeinflussen können, die wir nicht einmal eine einzige Minute im Voraus prognostizieren können.

Dabei macht es immer den Anschein, dass wir alles kontrollieren wollen und sogar können.Wir setzen unser geübtes kalkuliertes Alltags-Gesicht auf, wir reagieren sozial erwünscht, benehmen uns und ticken zuverlässig wie die alte Uhr an der Flurwand. Weil alles im regelmäßigen Rhythmus läuft, wir mitschwimmen und im Takt der 24h mitwippen. Dabei ist es genau die Millisekunde am Tag, in der wir nicht wissen, wie wir uns verhalten sollen, die das Leben verändert. Es ist dieser kleine Timeslot, in dem die echte Mimik rauskommt und nicht einmal Chuck Norris wüsste, was er tun sollte.

Aber vielleicht ist es manchmal gar nicht schlecht, nicht zu wissen, was als nächstes kommt. Denn vielleicht steht an der nächsten Ecke ein Mensch, der unser Leben bereichert und diese neue Lebensphase damit einläutet, indem er einen anrempelt, nach dem Weg fragt oder laut pupst. Etwas, das wir nicht wissen oder kalkulieren können, sondern ein bisschen Echtheit unserer selbst erfordert.

 

Als ich von der allabendlichen Bahnfahrt nach Hause komme, schließe ich die Tür auf, lege den Schlüssel auf meinen kleinen Schrank und drücke den leuchtenden Knopf auf meiner Telefonstation. Während ich mir die Stiefel ausziehe und eine hungrige Katze um die Beine schleicht, höre ich den Anrufbeantworter ab.

“Aaaalso, pass auf Mäuschen”, flötet Meggies Stimme ins Telefon, “ich erreich dich gerade leider nicht, daher der Plan für nächsten Freitag zum Mitschreiben: wir treffen uns alle bei mir, trinken ein paar Gläser Prosecco und danach geht’s zu Kalkbrenner. Joa…und falls dich heute jemand geärgert haben sollte und du suizidale Handlungen in Erwägung ziehen solltest: Prosecco hilft, Süße! Also bis nächste Woche”

Ich halte meine Stiefel-Auszieh-Pose inne und muss etwas ungläubig schauend grinsen. 7 Milliarden Menschen. Ich frage mich, in welchen puren Momenten, ich meine Freunde kennengelernt habe. Und muss lachen.

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