Das hier
Es ist der Tag vor Jahresende. Der Tag vor dem Beginn von etwas Neuem. Ein neuer Kreislauf, der dann seinen Lauf nimmt. Zuhause im Flur stehen eine Tüte Raketen, ein paar bunte Knallgeschichten und ein großes Paket Hoffnung.
Während viele entzauberte Menschen die Jahreswende als „Tag wie jeden anderen“ nehmen, an dem ein bisschen gefeiert wird, nehme ich die Zeit zwischen den Jahren immer ganz bewusst wahr. Für mich ist das Jahresende immer, als ob ein Film zu Ende ginge – ob er gut oder schlecht war, steht ja erst am Ende mit dem Rückblick auf die vergangenen Monate fest.
Ist es nicht so am Ende von guten Filmen? Am Ende wird ganz viel klar, die wichtigsten Sequenzen werden wiederholt und am Ende läuft der Protagonist selbstsicher eine lange Straße entlang, während die Kamera wegzoomt und die Stimme aus dem Off noch ein paar perfekt formulierte Gedanken äußert bis die Filmmusik einsetzt.
Ich sitze bei Starbucks, nehme einen Schluck von meinem Caramel Macchiato als ich auf die Alster und den viel zu warmen Winter schaue.
2011 war gut zu mir. Ich fühle mich wohl, wenn ich in meine Wohnung komme. Ich habe begriffen, dass die 5 überflüssigen Kilos durch die bloße Anmeldung im Fitnessstudio leider nicht verschwinden. Ich habe gelernt, dass Stiefel eine Handtasche komplett ersetzen können, wenn man sich auf das wirklich Wichtigste beschränkt. Ich bin nachts durch die Hafencity spaziert und habe herausgefunden, dass man nicht in die Alpen fahren muss, um sein Echo zu hören. Ich war in New York und saß an dem Flügel, an dem schon Joni Mitchell oder Norah Jones gespielt haben. Ich habe in der Magnolia Bakery Cupcakes gegessen, die ein Europäer sonst nie essen würde. Ich habe einen angehenden Sexualtherapeuten kennengelernt, der sexsüchtig ist – neben Peter, dem Katheter und anderen männlichen Kuriositäten. Ich habe Freunde wiedergefunden, neue dazu gewonnen und vielleicht auch welche verloren. Mir haben Freunde beigebracht, dass ich an Träumen festhalten muss. Ich wurde in keinem Jahr öfter mitten in der Nacht angerufen, um „einfach nur da“ zu sein und es hat sich nie besser angefühlt.
Ich habe gelernt, dass ein Kuss für einen Mann nichts bedeuten kann oder alles. Ich habe festgestellt, dass es scheinbar mehr Menschen gibt, die ähnlich kurios denken wie ich – und durfte meine Gedanken für die Max aufschreiben. Mit einer Marc Jacobs-Tasche musste ich feststellen, dass Glück manchmal eben doch materieller Natur ist (Sorry, Moral!). Ich habe mich in mein Macbook und iPhoto verliebt. Ich habe erkannt, dass es manchmal gar keinen festen Weg geben muss, um dorthin zu gelangen, wo man irgendwann sein möchte. Genugtuung ist, wenn man mit seinen liebsten Mädels im Lion sitzt und großkotzig mit Champagner auf das eigene Leben anstößt. Und endgültig eingeholt hat mich das Carrie-Feeling, als mir diese Woche klar wurde, dass ich wohl demnächst wirklich sowas wie Moderedakteurin bin, im Januar zur Fashion Week nach Berlin fahre und auf mich ein Presseausweis wartet.
Nachdem ich so wehmütig, selbstzufrieden und ein bisschen in mich hinein grinsend über das Jahr 2011 den letzten Schluck meines Caramel Macchiatos getrunken habe, packe ich meinen Kram in die in die Jahre gekommene Tasche und verlasse den Starbucks an der Alster. Es ist für Winter viel zu warm, die Sonne glitzert auf die Alster und ich laufe den Jungfernstieg entlang. Was 2012 kommt? Fashion Week, London, vermutlich noch einmal New York, vielleicht Paris, mehr Schreiben, mehr Musik, mehr Karriere, mehr unglaubliche Nachtgeschichten mit meinen Freunden zwischen Gängeviertel und Pauli. Der Rest? Ich habe nicht die leiseste Ahnung…
Und genau jetzt, wo ich den Jungfernstieg siegessicher entlang laufe, würde wohl – wenn dies mein Film wäre – die Musik einsetzen.
Auf ein wundervolles 2012!




